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Der innere Schweinehund

Es macht keinen Spaß; der Blick in den Spiegel verrät einem immer wieder, dass man sich irgendwie nicht im Griff hat. Der Bauch könnte weniger sein und auch die Augenränder verraten die langen Arbeitszeiten und den kurzen Schlaf. Oder: Man hat einfach nicht den nötigen Enthusiasmus sich nach der Arbeit noch für eine Trainingseinheit im Fitnessstudio aufzuraffen. Und auch generell möchte man „eigentlich“ gesund Leben, aber dann greift man doch immer wieder zu den Süßigkeiten. Auch der Alkoholkonsum dürfte „eigentlich“ etwas weniger sein, und doch steht oft ein Glas Wein neben dem Teller. „Eigentlich“ …

Gäbe es den inneren Schweinehund nicht, gäbe es vielleicht auch nicht das Wort „eigentlich“. Zumindest auf seine Verhaltensweisen bezogen. Was sind Deine Verhaltensweisen? Bis zu 50% Deiner Entscheidungen am Tag übernehmen Deine Gewohnheiten. Diese Verhaltensweisen ermöglichen Dir Kapazitäten für andere wichtige Entscheidungen. Der innere Schweinehund könnte in diesem Sinne Deine Gewohnheiten darstellen.

Wie wäre es, wenn man seinem „inneren Schweinehund“ einfach Befehle geben könnte? Im Prinzip hieße das, seine Gewohnheiten willkürlich zu verändern. Deine Gewohnheiten spielen sich im Unterbewusstsein ab. Sie sind in den Netzwerken unseres Gehirn festgeschrieben und lassen sich nur im Laufe eines längeren Lern- und Übungsprozesses verändern. Neurobiologisch reden wir von einem Basissystem für triebhafte, spontane und überwiegend automatisch ablaufende Verhaltensweisen und ein kontrollierendes Aufbausystem. Die wichtigsten Bauteile des Basissystems sind die symmetrisch im Mittelhirn sitzenden Belohnungssysteme, die beiden tief in der Schläfenregion sitzenden Angstzentren sowie der für Stressreaktionen und Sexualfunktionen wichtige, der Schädelbasis aufsitzende Hypothalamus. Merkmale des Basissystems sind Affekte und Launen aller Art – ihm verdanken wir die Neigungen, jeder kleinen Versuchung sofort nachzugeben, uns alles in den Mund zu stecken was schmeckt und beim Sex kein Angebot auszulassen. Auch andere, wenig sympathische Verhaltensweisen wie Bequemlichkeit oder Ungeduld haben ihren Ursprung im Basissystem. Es ist das ältere System, dieses Reptiliengehirn ist auf sofortige Befriedigung von Bedürfnissen ausgelegt. Ohne das zweite Fundamentalsystem, wären wir verstandlos und triebgesteuert. Das Aufbausystem übt eine top-down Kontrolle aus und hat seine neurobiologische Adresse im Stirnhirn, dem sogenannten Präfrontalen Cortex (PFC). Er versetzt den Menschen in die Lage, seine Aufmerksamkeit zu fokussieren und Ablenkungen auszublenden, unabhängig davon, ob sie von außen oder – z.B. als Gefühle oder Gedanken – aus dem Inneren kommen. Die Fähigkeit, äußeren Ablenkungen oder inneren Impulsen nicht zu folgen, wird übrigens als Inhibition bezeichnet.

Das zweite System im Stirnhirn ist in der Lage das Triebsystem top-down zu kontrollieren. Wenn es gut trainiert ist, versetzt es uns in die Lage, die Befriedigung von Bedürfnissen aufzuschieben. Diese Kontrolle nennt Prof. Dr. med. Joachim Bauer (Neurowissenschaftler, Facharzt: Internist, Psychiater und Psychotherapeut) Selbststeuerung. Die Selbststeuerung ermöglicht längerfristige Strategien welche meist größere Belohnungen und Erfolge erzielen. Die Inhalte in diesem Artikel stammen aus Prof Bauers Buch Selbststeuerung. Ich werde sie nutzen, um den „inneren Schweinehund“ wissenschaftlich zu beleuchten.

Die Fähigkeiten des Präfrontalen Cortex sind nicht angeboren, sondern entwickeln sich erst im Kindes- und Jugendalter im und durch den Kontakt mit der sozialen Umwelt. Fehlt dieser Kontakt in den ersten 20 Lebensjahren, so verkümmern diese geistigen Fähigkeiten und fehlen im späteren Leben.

„Use it or lose it”
Diese berühmt gewordene neurobiologische Grundregel zitiere ich gerne beim Training meiner Kunden. Meistens sind es die Übungen, die Ihnen besonders schwerfallen, die Ihr Körper benötigt. Das Nervensystem muss hier neu lernen um bspw. aus alten Haltungs- und Bewegungsmustern entstandene Dysbalancen auszugleichen; ganz nach dem Motto „If you don‘t like it, you need it“. Neuronale Systeme und die von ihnen gesteuerten Funktionen verkümmern, wenn sie keinem Gebrauch unterliegen.

Wenn man so will, ist der sogenannte „innere Schweinehund“ das bottom up System, also das Triebsystem. Automatische und eher unwillkürliche Verhaltensweisen sind sein Werk. Um dem Schweinehund nicht unterwürfig zu sein, sollte man sich mit ihm befreunden. Auf der anderen Seite muss beginnend ab dem 3. Lebensjahr das top-down System trainiert werden. Damit sichert man Unabhängigkeit durch selbstbewusste Entscheidungsfindungen im Einklang mit seinen eigenen Bedürfnissen bzw. mit dem Schweinehund. Dann widerspricht Selbststeuerung nicht der lustbetonten Befriedigung der Grundbedürfnisse des Menschen, sondern sollte im Gegenteil die Selbstzufriedenheit durch volles Ausschöpfen der Möglichkeiten erhöhen, die der individuellen Lebensgestaltung im gegebenen sozialen Umfeld verbleiben. Wer seine eigene Selbststeuerung nicht ausreichend beherrscht, wird immer das negative Gefühl haben, von außen manipuliert zu werden. Wer kennt es nicht, das Unwohlsein nach einer unkontrollierten Heißhungerattacke. Man hat das zwingende Gefühl nicht die Kontrolle gehabt zu haben. Es kommt deshalb darauf an, durch Selbststeuerung ständig ein Gleichgewicht zwischen den eigenen Interessen und den äußeren Anforderungen der gesellschaftlichen Umwelt herzustellen. Wenn die Lebensumstände die ausreichende Befriedigung der Grundbedürfnisse nicht zulassen, wäre es falsch, die entstehenden Defizite durch von außen angebotene Ersatzbefriedigungen wie erhöhte Nahrungsaufnahme, verstärkte Mediennutzung und den Konsum von potenziell Sucht erzeugenden Genussmitteln ausgleichen zu wollen. Leider bieten aber die gegenwärtig vorherrschenden Strukturen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung gerade diese Ersatzbefriedigungen in zunehmendem Maße an. Gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen, die infolge wachsendem Arbeitsstresses und vorzeitiger Erschöpfung die Selbststeuerung des Individuums behindern, haben deshalb die Tendenz, sich selbst zu verstärken.

Eine durch gelungene Selbststeuerung erlangte gesunde Lebensführung und Ernährung fördert die Gesunderhaltung unmittelbar. Die Aktivität des biologischen Organismus ist in hohem Maße durch die Tätigkeit des Nervensystems beeinflussbar. Insbesondere das Immun- und Abwehrsystem des Körpers wird weit mehr als allgemein angenommen vom Nervensystem gesteuert. Dies zeigt sich vor allem in Studien zur Wirksamkeit von Medikamenten und Placebos, die wesentlich vom Grad der Aufklärung der Probanden über ihre Wirksamkeit abhängen. Die körpereigenen Heilsysteme sind durch Selbststeuerung aktivierbar. Diese Steuerung erfolgt vor allem durch Hormone, deren Ausschüttung von Gehirnprozessen ausgelöst wird.

So kann Selbststeuerung einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung der persönlichen Gesundheit und zur persönlichen Zufriedenheit leisten. Dabei muss Selbststeuerung aber aus einem eigenen freien Entschluss heraus wahrgenommen werden. Von der sozialen Umgebung einer Person kann deren Selbststeuerung daher nicht in irgendeiner Weise gefordert, sondern höchstens ermöglicht und gefördert werden. Genau hier versuche ich als Coach bei meinen Coachees zu wirken. Mein Ansatz: Erspüren, wie wir von unruhigen Impulsen ständig getrieben werden. Die heimliche Sehnsucht, da einmal rauszukommen erkennen. Lust auf Selbststeuerung kreieren.

Übertragen auf die innere Schweinehund Verbildlichung heißt das, nicht gegen den inneren Schweinhund vorgehen. Schaue die von Ihm ausgehenden Impulse liebevoll an und halte einen Moment inne und überlege, ohne ihnen sofort nachzugeben. Spontane Impulse sind wie ein nervöser kleiner (innerer Schweine)hund an der Leine, der – während Du gerade beschlossen hast, eine Rast einzulegen – ständig weglaufen will. Es macht wenig Sinn, das „Hündchen“ anzuschreien oder ihm Angst einzujagen. Das Beste ist, es immer wieder sanft, aber konsequent zurückzuholen. Dann wird es sich irgendwann zu Dir legen.

Wenn Du mehr zu diesem Thema erlesen möchtest, empfehle ich Dir Joachim Bauers Buch Selbststeuerung: Die Wiederentdeckung des freien Willens.

In diesem Sinne, bleib gesund, Dein Health Coach Bardo.

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